Mittwoch, 19. Oktober 2011

Euphemismen aus dem Alltag I

Heute geht es um die allseits beliebte und omnipräsente Floskel "Habe ich keine Zeit für".
Meistens dient dieser Ausspruch doch der Rechtfertigung - vor anderen und vor allem vor einem selber.

Warum?
Das ist genau die Frage, die wahlweise vor oder nach "Habe ich keine Zeit für" platziert werden kann.

Situation 1 - Teil eines Dialogs

Frage: Warum machst du nicht XYZ?

Antwort: Da habe ich keine Zeit für.

Seien wir doch mal ehrlich... in mindestens 90% aller Fälle ist das nur eine Plattitüde, die den wahren Grund dafür, warum eine bestimmte Tätigkeit nicht ausgeführt wird, nur verschleiern soll.
Die Wahrheit ist meist tiefergehend und muss dem Gesprächspartner zunächst ja nicht mitgeteilt werden. Die Wahrheit ist emotional, sie ist ein Teil von uns.
Wenn wir den wahren Grund preis geben, geben wir einen Teil unserer Psyche preis.
Kurz: Wir machen uns angreifbar.
Klingt dramatisch, ist aber so.

Außerdem geben wir mit dem erwähnten Ausspruch ja schon damit aus, dass er als Antwort bzw. Grund genügt. Wir erwarten somit keine weiteren Nachfragen in diese Richtung und fühlen uns sicher.
Allerdings kann der oben angerissene Dialog auch anders verlaufen, die Ausgangssituation und Ausgang DER Situation bzw. des Dialoges ist immer individuell.
So wie der Mensch und wohl nahezu jeder Charakter individuell ist. ;-)

In meinen Augen hängt der weitere Verlauf solch eines Dialogs von der Beziehung beider Gesprächspartner ab. Je enger die Beziehung oder Bindung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Nachfragen kommen.
Sprich: Die Frage "Warum?" keimt in so einem Fall (enge Beziehung) erneut auf, nachdem  der Ausspruch "Habe ich keine Zeit für" als Grund nur vorgeschoben wurde.,
Während Bekannte ( = oberflächliche Kommunikation) dies verkennen, erkennen uns nahestehende Menschen doch recht schnell, dass diese Plattitüde nur ein Ausweichmanöver und nicht die Wurzel allen Übels ist.
Das ist nur logisch, denn in diesem Fall existiert ja eine Vertrauensbasis.
"Man kennt sich."
An dieser Stelle sei eingeschoben, dass diese Frage danach, was wirklich los ist, natürlich auch mit Interesse einhergehen muss.
Enge Beziehung ist nicht gleichzusetzen mit tiefergehenden (Nach)Fragen. Ein Mensch, der uns nahe steht, darf ja auch mal desinteressiert sein. ;-)

Lange Rede, kurzer Sinn.
Ich bin immer wieder fasziniert, welche alltäglichen Situationen sich mit der Psyche des Menschen erklären lassen.
Wenn wir in so einer Situation nur mal in uns hineinhorchen, sollten wir uns selber fragen, was der wahre Grund ist.
Meistens ist die Sachlage ja eher unangenehm. ("Ich mache keinen Sport, da habe ich gar keine Zeit für.")
Ehrlich wäre: Ich NEHME mir nicht die ZEIT, Sport zu treiben...

Und da kommt wieder der liebe innere Schweinehund ins Spiel, den ein jeder von uns in sich trägt.

Wie dieser sich überwinden, unterdrücken, bekämpfen und vielleicht sogar beseitigen lässt?
Dazu bald mehr. Je nach dem, wie viel Zeit ich hab. Ha! Erwischt! ;-)

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